Ivan Dolnicar mit 91 gestorben

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Ivan Dolnicar war 1945 Befehlshaber der 14. Division. Er war einer der Partisanenbefehlshaber, die als erstes mit dem deutschen General Alexander Löhr in Berührung kamen, der in Topolšica die Kapitulation der deutschen Wehrmacht für Südosteuropa unterschrieb. Danach zog Dolnicar los Koroška zu befreien. Nach dem Krieg übernahm er eine wichtige Funktion in der jugoslawischen Volksarmee und zuletzt war er 13 Jahre lang der Präsident der slowenischen Kämpfervereinigung. In einem Interview, das er 2009 für die Mladina gab, legt er seine Sicht zum Ende des Kampfes, zu den Nachkriegsmorden und wichtigen Partisanenkämpfen dar.

 

Was haben sie kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges – April, Mai 1945 – gemacht?
Ende April habe ich die 2 Brigaden Šlandrova und Zidanškova nach Zasavje geholt. Wir bekamen die Aufgabe, aus steirischer Richtung gegen Ljubljana vorzudringen. Die Brigaden sollten die Unterstützung zur Befreiung Ljubljanas sein. Doch noch bevor wir uns zur Kolonne zusammenstellten und anfingen Richtung Hauptstadt zu marschieren, kam ein neuer Befehl aus dem Hauptquartier. Für Ljubljana gab es genug Kräfte, weswegen wir uns sofort Richtung Koroška wendeten mussten. Ich wählte den kürzesten Weg, zuerst ins Zadreško Tal und nach Savinjska und dann weiter Richtung Norden.

Da waren sie Kommissar der 14. Division, in der Divisionskommandantur. Die Dinge sind vermutlich nicht so geschehen, wie Sie sie planten?
Natürlich sind sie das nicht. Noch bevor wir bis Solcava kamen und weiter bis Železna Kapla, hat schon das Chaos mit General Alexander Löhr begonnen, dem damaligen Befehlshaber der deutschen Armeegruppe E. Am 9. Mai wurde ein Major nach Ljubno zum Divisionsstab gebracht, der Kontakt mit Partisanenkräften suchte. Er händigte mir einen Brief Löhrs aus, in welchem er mitteilte, dass er ein Gespräch mit der jugoslawischen Armee wünscht. Zuerst war ich mir nicht sicher. Ich wollte nicht gehen, denn ich hatte meine Aufgaben und Befehle, doch letztlich sagte ich zu, weil es um den obersten Befehlshaber der deutschen Armee ging, die sich aus dem Balkan zurückzog. Um den Befehlshaber einer großen Armee.

Hatten sie, bevor sie sich aufmachten zu seinem Stab in Polzela, etwas Ehrfurcht? Es ging um einen angesehenen deutschen General und sie waren ein junger Partisan.
Natürlich hatte ich sie. Ich gestehe ein, dass ich das in meiner partisanischen Blauäugigkeit gar nicht begriff. Ich verhielt mich ganz gewöhnlich, als wenn es um einen völlig normalen deutschen Gefangenen ginge. Doch ich war erstaunt, wie er mich empfing. Sehr respektvoll. Wir trafen uns auf dem halben Weg, in Letuš, in einer Gastwirtschaft. Er hat mich nett begrüßt. Wir gaben uns die Hände, stellten uns vor und das Gespräch verlief völlig normal. Wahr ist jedoch, dass ich für Kapitulationsverhandlungen kein Mandat hatte, doch es kam mir sehr wichtig vor, dass wir Partisanen auf seinen Brief reagierten. Es war alles nicht so einfach, wie es heute scheint, von Brežice bis Koroška war eine riesige Armee aufgestellt, viele Soldaten, Material, Waffen, die die feindlichen Kräfte aus dem Balkan mitbrachten. Die Deutschen würden sich leicht bis Österreich durchschlagen, wenn sie es hätten wollen. Mit Löhr sprachen wir zuerst über die Kapitulation. Deutschland hatte kapituliert und in den Dokumenten stand, dass die deutschen Einheiten sofort, wo auch immer sie gerade sind, die Waffen niederlegen und sich in die Hände der Kampftruppen zu begeben haben, die das jeweilige Gebiet kontrollierten. Löhr behauptete, dass das in Slowenien nicht möglich sei, dass seine Armee die Waffen niederlegt. Ich redete auf ihn ein, dass das Becken Celje groß genug ist, doch er gab nicht nach, weshalb wir vereinbarten, dass die deutschen Kräfte zumindest vorübergehend anhalten und mit Löhr fuhren wir weiter zum Stab der vierten operativen Zone nach Topolšica.

Wie habt ihr euch durchgeschlagen vorbei an den Kolonnen zurückziehender Soldaten, Zivilisten, Menschenmengen, Waffen, Chaos?
Der Weg von Letuš bis Topolšica war beschwerlich, Chaos, überall Soldaten, nicht nur auf den Straßen, auch auf dem Fluss Pak, überall. Sogar das Auto des Generals hatte große Probleme beim Fahren, obgleich deutsche Soldaten vor ihm die Straßen säuberten. Von Zeit zu Zeit wurden wir von Angehörigen anderer Streitkräfte angehalten. Die Ustašas haben sich mit dem deutschen General besprochen, ihn gebeten sich nicht in die Hände der jugoslawischen Armee zu begeben. Sie riefen ihn auf, dass sie sich zusammen nach Österreich durchschlagen. Löhr hörte ihnen zu, nickte, blieb wohlweislich still. Ich selber fühlte mich sehr unwohl, wir saßen in einer offenen Limousine, ich in Partisanenuniform, er in deutscher, und um uns herum aufgeregte Ustaša Befehlshaber. Ich dachte, dass sich mich jetzt erschießen. Und wenn sie hätten wollen, hätten sie es können.

Weshalb ist Löhr zur Unterzeichnung der Kapitulation aus Topolšica raus?
In der Partisanenkommandantur herrschte große Verwirrung. Löhrs Aufbruch war die Folge eines Fehlers des Zonenstabes. Sogar als ich alleine den deutschen General nach Topolšica brachte, konnte ich dem Kommissar und dem Vorsteher schwer klar machen, wer dieser Deutsche ist, was er darstellt, wo überall seine Einheiten sind. Zuerst sagten sie, was hätten wir überhaupt zu besprechen, er solle die Waffen niederlegen, jedoch lief es so nicht. Ich solle wiederholen. Die Deutschen können sich mit ihren Kräften nach Österreich schlagen, wir waren ein paar tausend, sie zusammen mit den anderen fast 300.000. Danach haben sich der Kommissar und der Zonenvorsteher mit Löhr besprochen und erreicht, dass er die Kapitulation unterschreibt. Er hat sich zwar einige Zeit widersetzt, gesagt, dass nicht genug Essen da ist, dass er nichts zusichern kann, dass die deutschen Soldaten nicht im Alleingang anfangen zu plündern, doch er war dennoch in Eile, denn aus dem Süden drückte die Partisanenarmee. Die Dritte kam über Dravska dolina, die Erste und Zweite über das Flusstal Save….. Wenn die Armee das Ende seiner Kolonne erreicht hätte, wäre es zu vielen Toten gekommen, weswegen er nachgab.

OK, so war die Unterzeichnung der Kapitulation. Weshalb flüchtete er?
Am Tag nach der Unterzeichnung der Kapitulation begab sich der Zonenstab nach Koroška, in die Völkermarkt, wo der Befehlshaber Peter Stante-Skala war. Das war ein furchtbarer Fehler, denn der General Löhr hat seinen Stab am Kurort angewiesen und begann die unterschriebene Vereinbarung umzusetzen. So sollten die deutschen Offiziere Einzelheiten der Kapitulation an die Einheiten der Kolonne weiterleiten und alle Deutschen informieren was los ist. Der Verbindungsoffizier der Partisanen für die Deutschen war Ivan Majnik – Džems. Ein tüchtiger Soldat, der einen Tag gut arbeitete, aber dann nach Ljubljana ging. Wahrscheinlich deshalb, damit jemand dem damaligen Regierungschef Boris Kidric die Limousine übergibt. In Topolšica ist dadurch nur noch eine kleine Partisanenschutzeinheit geblieben, nicht vergleichbar mit den Kräften Löhrs Einheit. Und der General hatte allein zu seinem Schutz ein ganzes Regiment Soldaten. Löhr sah, dass er in Topolšica nicht den richtigen Gesprächspartner hatte und ist zusammen mit seinem engsten Stab Richtung Österreich losgefahren.

Scheint so, als ob die Deutschen trotz des Chaos und der Kapitulation immer noch organisierte Soldaten waren.
Ja, auf ihre Art besser als wir. Wie sie organisiert waren, hat sich gut am 15. Mai  in Poljane gezeigt. Zuerst wollten sie die Partisanen nicht angreifen. Die Verhandlungen liefen den ganzen Tag, die einen sagten der Kapitulation zu, die anderen nicht. Danach haben wir mit der 104. Jägerdivision gekämpft. Die Deutschen haben die Vorbereitungen für den Kampf organisiert und uns danach organisiert angegriffen.

Wie kommt es, dass trotz des besagten Kampfes in Poljane die Deutschen nicht versuchten einen größeren Durchbruch nach Österreich durchzuführen? Sie sagten, sie hätten es ohne größere Probleme machen können.
Die Kapitulation war unterschrieben, sie waren immer noch disziplinierte Soldaten. General Löhr war ein disziplinierter Soldat, er befolgte seine Unterschrift, er wäre in Topolšica geblieben, wenn der Zonenstab hätte mit ihm arbeiten wollen. Im Grunde sagt man, dass Löhr floh, doch ist er nicht, er ist lediglich weggegangen. Er führte Dokumente des Zonenstabes mit sich, Durchlassbescheinigungen. An der Grenze haben sie ihn und seine Kampfbegleiter der Tomšic Brigade ohne Bedenken durchgelassen. Die Deutschen haben sich natürlich nicht gerne an die jugoslawische Armee übergeben, für sie war die Kapitulation auf einem Gebiet, auf dem sie Besatzer waren, etwas Beschämendes. Deshalb wollten sie nach Österreich gelangen.

Sie erwähnten Poljane, es gab nach der Unterzeichnung der Kapitulation noch einige Kämpfe zwischen den Partisanen und den Deutschen als auch mit anderen Militärverbänden. Sagen wir mal in Borovlje. Wie haben die britischen Verbände, die dort in der Nähe waren, das Geschehen beobachtet?
Die Partisanen und die britische Armee haben Celovec (Klagenfurt) gleichzeitig befreit. Die Partisaneneinheiten kamen von der einen Seite, die Briten aus der anderen. Von Beginn an sahen wir uns nicht als Freunde.

Weshalb nicht? Hat doch die britische Armee den Partisanen auch geholfen. Während des Krieges und danach.
Ja, hat sie. In Koroška haben sie wirklich ein wunderbares Armeekrankenhaus aufgestellt, doch im Kampf wollten sie uns nicht helfen. Zum Beispiel in Borovlje. Dort war klar, uns und den Briten, dass auf Seiten der Deutschen und der Domobranen eine große Überlegenheit herrscht. Anstatt dass die Briten uns geholfen hätten, standen sie an der Seite und beobachteten den Kampf. Es fielen 180 Partisanen und das nach der Unterzeichnung der Kapitulation.

Was ist passiert?
Die Partisanen haben die Deutschen im Tal entwaffnet, die kamen und ihre Waffen übergaben, plötzlich schlugen sie von den Bergen mit schweren Waffen zu. Es war ein fürchterliches Feuer. Viele Tote.

Wie hat, wenn überhaupt, die Partisanenarmee in den letzten Tagen des Krieges der Rache an den zurückziehenden Soldaten entgegengewirkt? An den Deutschen, an den Ustašas? In Mislinjska Dolina waren eigentlich richtige Massaker.
Ja, dort war es wirklich schrecklich. Die 17. bosnische Division kam aus Richtung Slovenske Konjice, sie kämpften gegen die Ustašas, die sich nicht ergeben wollten. Auf der Partisanenseite waren es rund 80 Tote und auf der anderen Seiter wer weiß wie viele. Einige tausend sicher. Die Ustašas behaupteten, sie seien aus einem selbständigen und unabhängigem Staat, die ihre Armee hatte und Löhrs Kapitulation würde für sie nicht gelten. Gleiches behaupteten die slowenischen Domobranen, auch für sie galt die deutsche Kapitulation nicht, obwohl sie noch einige Tage vorher unter ihrer Flagge kämpften.

Weshalb hielt die Partisanenarmee die Ustašas nicht bereits bei Zagreb auf? Sie hätten es können, weshalb wurde zugelassen, dass der Hauptteil sich nach Slowenien bewegte?
Das interessiert mich auch. Im Umkreis von Zagreb waren 10 Verbände, die ohne größere Probleme den Abzug aus Zagreb hätten zumachen können. Sie machten es nicht und marschierten lieber aus dem Süden in die Stadt ein. Sie wollten Zagreb befreien und dort eine Parade abhalten. Das war ein großer Fehler der Führung. Fehler des Generalstabes der jugoslawischen Armee. Weil sie nicht gestoppt wurden, ist der gesamte Strom nach Slowenien fortgegangen. Nun behaupten einige, dass bei uns viele Gräber sind. Natürlich ist es so, damals waren in Slowenien mehr als eine Million Soldaten.

Warum hat sich ein Teil der Partisanenarmee Anfang Mai so lange in Maribor zurückgehalten und ist nicht westlich über die Drava geeilt, um den Rückzug aus Dravograd zu verhindern und den Grenzübertritt?
Dravograd wurde doch eingeschlossen. Es stimmt allerdings, dass sie zu schwach waren. Am 10. Maj ging ich von Celje nach Maribor, um Kontakt mit dem Stab der 3. Armee aufzunehmen, die Dravska dolina befreite. Dort war auch der slowenische General Ladislav Ambrožic – Novljan. Ich berichtete ihnen, was in Celje in Šoštanj geschehen war und davon, dass die Deutschen den Übertritt nach Österreich erzwingen können, aber der Stab reagierte sehr langsam. Bis auf Ambrožica, der auf eigene Verantwortung einen Teil der Prekmur Brigade in Richtung Dravograd sandte. Der 3. Armee hat er später eine Division geschickt.

Waren die Schlussoperationen im Norden Sloweniens schlecht geplant?
Geplant waren sie schon gut, doch sie wurden schlecht ausgeführt. Die dritte Armee sollte aus dem Osten nach Koroška kommen, die anderen sollten von der anderen Seite in Koroška die Zange schließen und alle einkesseln, die sich zurückzogen. Doch das geschah nie.

Wie habt ihr Kämpfer von der 14. Division den Rückzug der Partisanen aus Koroška am Ende des Krieges verstanden?
Für uns war das eine Niederlage, eine große Niederlage. Wir gingen hoch, kämpften, hatten viele Tote und dann bekamen wir den Befehl uns zurückziehen. Uns war nicht klar weshalb. Auch im Divisionsstab stimmten wir der Entscheidung nicht zu, wir waren überrascht, verärgert. Letztlich musste die 14. Division, die einen Teil der 3. Armee stellte, in die Vojvodina marschieren.

Die 14. Division ist erst im Jahre 1944 von der Bela krajna nach Štajerska per Marsch gekommen.
Der Marsch der 14. Division war eine echte epische Poesie. Die Absicht des Marsches war die Entwicklung einer Partisanenbewegung in Štajerska.

Vorher gab es das dort nicht, da die Deutschen sehr mächtig waren.
Die Deutschen beherrschten das gesamte Gebiet, die Gestapo hatte ein weit verzweigtes Netz von Kollaborateuren. Als wir nach Štajerska kamen, sind ständig einige Laute aus den Dörfern gelaufen, was logisch war, da sie den deutschen Stützpunkt informieren wollten, dass die Partisanen ins Dorf gekommen sind. Januar 1944 war ein milder Winter und als wir am 6. Januar aus der Bela krajna gingen, wurden wir auf dem Weg durch Kroatien vom Regen gewaschen. Aber die Dinge änderten sich in Slowenien, die Kälte drückte, es fing an zu schneien. In Mozirske planine war er schon fast 2 Meter. Zuletzt blieben uns von einer gesamten Division 500 Kämpfer und die Hälfte von ihnen war Kampfunfähig. Am schlimmsten war es, als wir uns nach einem schweren Kampf zu den Savinjske Alpe durchschlagen mussten und von da gab es keinen Ausgang mehr. Wir waren völlig am Boden, körperlich, moralisch, ohne Munition, ohne Essen. Wenn es sich die Deutschen anders überlegt hätten, hätten sie uns vernichten können, aber ihre Angriffe hörten plötzlich auf. Sie fingen an zu feiern, sie dachten, dass sie die Division vernichtet haben. Ein Fehler. Nach einigen Monaten, im Frühjahr, waren wir genauso kräftig wie damals, als wir den Boden Štajerskas betraten.

Warum war es überhaupt im Frühjahr 1945 entschieden, dass ihr mit den sich zurückziehenden Soldaten kämpft. Der Krieg war vorbei. Warum habt ihr sie nicht einfach weggehen lassen?
Das war politisch unmöglich. Dadurch wäre es zu einer hohen Emigration gekommen und Jugoslawien hätte ein großes, großes Problem gehabt. Die Ustaša waren nicht nur Soldaten, sondern auch ein ideologischer Widersacher.

Sie waren einer der höheren Befehlshaber. Wie sehen sie das, was mit den gefangenen Soldaten passiert ist? Wie sehen sie die außergerichtlichen Massaker? Sie mussten doch etwas davon wissen.
Die 14. Division war in Koroška, mit der gesamten 5. Brigade war sie sehr beschäftigt. Sie verteidigte den Übergang bei der Drava, sicherte das Gebiet, das sie besetzte. Wir wussten nicht mal, was mit den Kriegsgefangenen passiert.

Haben sie darüber wenigstens nachgedacht?
Wissen sie was, Überlegung – natürlich habe ich darüber nachgedacht, was Rache bedeutet. Aus Koroška haben wir die Kriegsgefangenen, die wir fassten, in die Güterwagons gesetzt. Deutsche, Ustaša, Domobrane und sie nach Maribor gebracht, wo wir sie der 3. Armee übergaben. Am Zug war irgendein bosnischer Unteroffizier, einer aus der Transportleitung. Diesem Menschen wurden in den letzten Wagon die Leute gebracht und er hat sie mit dem Messer getötet. Einen nach dem anderen. Wir haben ihnen viele nach Maribor gebracht. Diesen Unteroffizier haben sie dann gestellt, festgenommen und zu mir gebracht, als ich in Velikovec war. Ich fragte ihn, weshalb er das machte, was das war? Er antwortete mir. Wenn ich wüsste, was die Ustašas mit seiner Familie gemacht haben. Als er ein Junge war, sah er, wie sie seinen Vater, Mutter und die Kinder abschlachteten. Es war grauenvoll. Dann fragte er mich, was ich gemacht hätte, wenn dasselbe mir passiert wäre, wenn ich selber sowas schreckliches erlebt hätte. Eine Antwort darauf ist nicht so einfach.

Sie gewöhnten sich an die Kriegsschrecken. Wie haben sie die Fernsehszenen der Skelette aufgenommen, aufgedeckt in Huda Jama?
Das sind keine schönen Sachen, jedoch gibt es eine Vorgeschichte des Nachkriegskampfes. Stalin, Churchill und Roosevelt beschlossen während des Krieges, dass alle, die mit den Besatzern zusammen arbeiten, sich für ihre Taten in dem Staat verantworten müssen, in dem sie aufgegriffen werden. Und so war es auch. Dennoch sind die Nachkriegsmorde inakzeptabel. Selber habe ich die Erschießung der Gefangenen nie gefördert. Im Gegenteil, ich habe sie immer gehen lassen. Eine Schande ist es, wenn man einen entwaffneten Menschen tötet. War ist jedoch, dass es manche taten. Aus heutiger Sicht ist die Kriegszeit eigentlich unverständlich – warum so viele Tote, weshalb so viel Rache.

Auch in ihrer Familie ist eine ähnlich traurige Geschichte.
Ein Bruder lief zur anderen Seite über. Am Anfang war er bei den Partisanen. Genauer gesagt, schloss er sich einer Gruppe an, die über ein Gebiet lief und in eigener Verantwortung Geld für die Osvobodilna Fronta sammelte, dann beschafften sie sich Getränke, Essen und anschließend in einem Haus in Sela haben sie eine Feier veranstaltet. Ich bekam eine Mitteilung wo sie sind und mit ein paar Partisanen ging ich zu dem Haus. Als wir ankamen, war alles dunkel, wir riefen, klopften und eine Frau öffnete, die sagte, dass Tone, so war der Name meines Bruders, nicht da ist. Nun, wir sahen uns das Haus etwas an, dann hat ein junger Partisan, er war recht kräftig, die Tür des Ofens geöffnet und geschrien, er ist da, er ist da. Mein Bruder feuerte und tötete den jungen Partisanen. Nach kurzem Kampf nahmen wir ihn fest und ein Partisanengericht verurteilte die ganze Gruppe. Das Gericht hat uns alle drei Brüder, die wir bei den Partisanen waren, eingeladen und gefragt, was sie mit Tone tun sollen. Wir alle drei sagten, ohne uns vorher abgesprochen zu haben, sie sollen selber urteilen, aber Tone verdient nach unserer Auffassung die höchste Strafe. Das Gericht hörte nicht auf uns, sie schickten ihn zum Notranjska Kommando, jedoch ist er bei einem nächtlichen Marsch geflohen.

Und, wie sie erwähnten, zur anderen Seite übergelaufen?
Ja, zuerst zu den Dorfwachen, später zu den Domobranen. Am Ende des Krieges ging er nach Koroška, vermutlich war er sogar in der Gruppe, die sich nach Borovlje durchschlug. Wer hätte gedacht, dass die Engländer ihn zurückschickten? Er kam nach Teharje. Da haben sie mich von Celje aus gerufen und gesagt, dass mein Bruder im Lager ist. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, doch ich habe mich mit meinem jüngsten Bruder dennoch entschieden, dass wir nach Celje gehen. In Celje stellten sie alle Domobranen in einer Reihe auf, die sie im Lager hatten, doch er war nicht mehr unter ihnen. Niemand wusste wo er ist, niemand wollte mir sagen was passiert ist. Ich habe mich etwas geärgert. Dann erreichte mich jedoch, dass drei junge Leute, die ich kannte, aus dem Lager entlassen wurden.

Hätten sie versucht ihren Bruder zu retten? Sie wussten doch was ihn erwartet.
Ich hätte ihn nicht gerettet. Ich fürchtete jedoch, dass ich, wenn er mich dort geärgert hätte, wenn er was gesagt hätte, die Pistole gezogen hätte. Dieser Bruder war noch lange abgeschrieben. Er hat eine große Schweinerei gemacht, 2 Schwestern und seinen Vater brachte er ins Lager, die Mutter ist alleine zu Hause geblieben mit drei Mädchen, er aber ist betrunken zu ihnen gegangen und hat sie mit einer Bombe erschrocken. Als der Bruder als Bataillonskommandant in Baška grapa fiel, kam er am nächsten Tag zur Mutter und sagte, einen haben wir schon und 2 sind noch übrig. Ich kannte kein Erbarmen. Versuchen sie sich selbst in die Situation hinein zu versetzen.

Das Partisanengericht war während des Krieges sehr streng, manchmal haben sie die Leute wegen kleinster Vergehen getötet. Wieso?
Wir Kämpfer haben es nur sehr schwer akzeptiert. Ein Partisan hat einem Bauern die Schuhe weggenommen, dieser hat sich beim Bataillonskommandanten beschwert. Der Partisan gab das zu, es war mitten in der Offensive, in einer sehr schweren Situation, als uns Deutsche von überall angriffen und wir kämpften im hohen Schnee, aber die Partisanen haben wegen Schuhe erschossen. Das haben wir nur sehr schwer akzeptiert. Wissen sie, das ist sehr schwer zu verstehen. Wenn man in einer Einheit ist, in einer Partisanenarmee, die unter sehr schweren Bedingungen handelt, muss man akzeptieren was abläuft und wie sie sich dabei entscheiden. Es geht um eine andere Art des Nachdenkens, um eine andere Psychose.

Sie waren auch einer der Befehlshaber, ein Kommissar, sicher hatten sie was zu sagen.
War ich, aber das geschah in einem Bataillon, das nicht in unserer Brigade war.

Wie haben sie die Diskussionen zur Aussöhnung in Slowenien aufgefasst, über die aufgedeckten dunklen Seiten des Partisanenkampfes?
Als ich mit 80 im Sozialistenverband anfing zu arbeiten, habe ich mich auf einer Ausschusssitzung gewundert, weshalb wir überhaupt darüber sprechen. Der Krieg war längst vorbei, die Leute haben die Dinge vergessen und ich verstand nicht, weshalb man sie wieder ansprechen muss. In Slowenien war die Versöhnung sozusagen schon durchgeführt und danach hat sich alles geändert, auch wegen dem großen Einfluss, den die Argentinienauswanderer sowie natürlich die Kirchen auf die Politik hatten.

Als Präsident des Kämpferverbandes haben sie sich ab und zu mit dem Erzbischof getroffen und unterhalten. Auch über die Versöhnung?
Ja, wir stellten einen Kontakt her und wegen ihm hatte der Erzbischoff etwas Probleme. Er zeigte mir einen Brief, den er von empörten Gläubigen aus Argentinien erhielt, alleine deswegen, weil er sich mit mir traf. Wir haben sogar versucht an den Papst zu appellieren, die Kirche sollte sich etwas anders verhalten, sie solle die Dinge, die Sünden, anerkennen, die sie während des Zweiten Weltkrieges beging. Wir schrieben ihm einen Brief, aber wir waren naiv, es gelang uns nicht die Kirche und den Papst zu überzeugen.

Was sagen sie zur These, dass die kommunistische Partei den Partisanenkampf zur Machtergreifung missbrauchte?
Missbrauchen kann man dazu schlecht sagen, ganz sicher hat sie es dazu genutzt. Die kommunistische Partei war die einzige Kraft, die den Volkswiderstand führte. Der Partisanenkampf wäre ohne die Kommunisten nicht so erfolgreich gewesen, wie er es war. Die Kommunisten waren oft in erster Reihe, häufig geschah es, als es am schwierigsten war, dass der Befehl kam, Kommunisten vorwärts. Und sie stürmten und auch ich ging. Zum Beispiel, als die 14. Division bei Osreške peci bei Šoštanj kämpfte. Sowas geschah häufig. Im Jahre 1941, als ich der Kommunistenpartei beitrat, war das die einzige Organisation, die einen bewaffneten Widerstand führen konnte.

So wurde auch über Tito gesprochen, auch er soll der einzige gewesen sein, der uns führen konnte.
Richtig, auch ich sah keinen anderen als ihn. Wir Soldaten haben ihm geglaubt und die gesamte Armee folgte ihm. Wir sahen keinen anderen als ihn. Aber ich muss sagen, dass ich später oft mit ihm zusammenarbeitete als Sekretär des Staatspräsidiums für die Volksverteidigung, dessen Vorsitz er hatte. Mit ihm konnte man normal reden und arbeiten, nicht wie z.B. mit dem serbischen General Nikolaj Ljubicic, langjähriger Ratssekretär für die Volksverteidigung, mit dem ich ständig im Konflikt war. Und wenn wir schon über Tito reden – die ganzen Vorwürfe, ob es beleidigend ist, dass er eine Straße bekommt oder nicht, sind bescheuert.

Bescheuert, warum bescheuert?
Tito hat in Slowenien etwas bedeutet. Erinnern sie sich nur, wie ganz Slowenien weinte, als sie seinen Sarg vom Ljubljana Hauptbahnhof nach Beograd fuhren. Alle heulten. Sogar jetzt noch kommen viele Slowenen zu Titos Grab.

Sie waren einer der Organisatoren von Titos Begräbnis. Ist es wahr, dass ihr ihn später begraben hattet und nicht zu dem Zeitpunkt, als das Begräbnis aufgenommen wurde?
Als die Fernsehübertragung war, haben wir nur ein provisorisches Marmormodell benutzt, gemacht aus Holz, das Titos Grab bedeckte. Die Kommission hat danach in der Nacht das Schlussbegräbnis der sterblichen Überreste wiederholt und diese schwere Tafel am Grab aufgestellt, die jetzt noch auf ihm ist. In der Nacht haben wir ihn nochmals ins Grab gelegt, es war sehr tief, wir wollten es so machen, dass er noch nicht mal bei einem Atomkrieg beschädigt würde, belegt ist er mit der Tafel und mit Beton. Als wir die Gruft ordneten, habe ich Titos Sarg angeschaut und darüber nachgedacht, was dieser Mensch in seinem Leben getan hat, was er erlebte, was er bedeutete, zu Hause und auf der Welt und zuletzt auch darüber, dass er alleine starb und wir ihn nun begraben.

Wurden auf sie 1990, als sie vom Armeegipfel schon nach Slowenien zurück kamen, wirklich eingeredet, die Territorialverteidigung zu übernehmen?
Ja, das hat mich sehr überrascht. Damals hat sich Janez Janša bei mir gemeldet, vorher kannte ich ihn nicht, und redete auf mich ein, dass es gut wäre, wenn ich die Territorialverteidigung übernehme. Damit wären alle einverstanden Demos, Dimitrij Rupel, France Bucar und andere… Janša fragte ich, ob sie nicht fähige junge Leute hätten, doch er hörte nicht auf. Am nächsten Tag rief mich noch der Republikpräsident Milan Kucan zu sich. Ich trat in sein Büro, wo auch Janša war. Er macht mir sofort klar, worum es geht, aber auch da habe ich Kucan gesagt, dass es keinen Sinn hat, dass ich zu alt bin, dass sie die Verantwortung den Jungen anvertrauen sollen. Jedoch, wenn ich ehrlich bin, hatte Janša kein großes Ansehen und auch mein Ansehen wäre bei vielen Leuten gefallen, wenn ich mich als General mit großer Erfahrung unter Befehl eines jungen Verteidigungsministers gestellt hätte.

Die Territorialverteidigung hat die Armee dann wunderbar im 10 Tage Krieg durchgeführt.
Natürlich hat sie es, sie war auch wunderbar vorbereitet. Sie war es immer. Ich erinnere mich noch an eine Inspektion aus der Zeit des jugoslawischen Generalstabes. Die slowenische Territorialverteidigung war immer erste, die beste, gut geführt, gut organisiert. Aber noch etwas muss hinzugefügt werden, was oft vergessen wird. Die meisten Leute in der Territorialverteidigung waren Kommunisten. Sozusagen haben die Kommunisten den Krieg zur Unabhängigkeit Slowenien geführt, so war es einfach, die Soldaten, die Truppenführer, die meisten waren Kommunisten.

Wie sehen sie heute auf den Versuch den Partisanenkampf umzudeuten?
Meinungsumfragen beweisen noch immer, dass die Mehrheit der Slowenen auf der Seite des Partisanen- und Nationalbefreiungskampfes ist. Das sagt auch etwas aus. Die Freiheitskämpferorganisation hat im Moment 18.000 richtige Kämpfer und 22.000 neue Anhänger, die nicht im Krieg mitwirkten, die erst danach geboren sind. Es stimmt allerdings, dass im Geschichtsunterricht immer weniger von den Partisanen geredet wird, sehr wenig wird darüber gesprochen und wenn darüber geredet wird, wird es auf sehr seltsame Weise getan.

Fragen sie sich manchmal, ob sie dafür gekämpft haben? Haben wir das, was wir wollten?
Dafür, was direkt nach dem Krieg kam, haben wir sicher nicht gekämpft. Bei den Partisanen hatten wir eine andere Vorstellung, wie es nach dem Krieg sein wird – klar ist, dass wir alles idealisiert haben, wir waren jung und unerfahren, aber dennoch erwarteten wir, dass Jugoslawien nach dem Krieg ein demokratischer Staat wird, wo die Leute ihre Rechte haben. Viele Partisanen waren nach dem Krieg gründlich enttäuscht. Wahr ist, dass viele Partisanen den Zerfall Jugoslawiens schwer akzeptiert haben. Auch ich. Schließlich haben wir für dieses Jugoslawien gekämpft und mit Kummer gesehen, wie beschämend es zerfiel. Doch das haben wir als Tatsache akzeptiert. So war es einfach. Aber alle von uns haben vermutlich Jugoslawien und die jugoslawische Armee in sich behalten, zumindest so, als sie noch nur zur Landesverteidigung diente und nicht für innere Konflikte. Als ich noch Mitglied des Volksverteidigungsrates war, behaupteten wir, dass die jugoslawische Armee nur für äußere Feinde da ist, wir hielten uns für die stärkste Polizei, die Ordnung in innere Angelegenheiten bringen soll. Doch zuletzt haben die Dinge angefangen die Armee zu regeln, eine Armee, die nicht das war, was sie früher war, sie wurde von den falschen Leuten geführt, serbischer Nationalismus gewann, der in der Armee durchgehend entscheidenden Einfluss hatte.

http://www.mladina.si/tednik/200916/ivan_dolnicar__general_in_partizan

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